Was wurde getan?


Aktivisten putzen Nazi-Propaganda weg

Von Paul Liszt
04.03.2013
Berlin / Brandenburg

Bündnis säubert öffentlichen Raum im Süden von Neukölln von rechten Aufklebern und Graffito

 

 

 

 

 

 

Weg mit dem rechten Dreck
Foto: dpa / Stephanie Pilick


»Aber nicht zu tief einatmen«, warnt der groß gewachsene junge Mann einen Anwohner, der ihn neugierig dabei beobachtet, wie er einen Sicherungskasten mit Reinigungsmittel einsprüht. Etwa 30 engagierte Antifaschisten und Bürger waren am Sonnabend im Süden des Bezirks Neukölln zusammengekommen, um mit Spachteln und Schwämmen den zahlreich verklebten Aufklebern und Plakaten der NPD und anderer Neonazi-Gruppierungen zu Leibe zu rücken. »Rache für Rudolf Hess« hatten die Neonazis in schwarzen, krakeligen Buchstaben auf den Kasten gesprüht.
Der einstige Stellvertreter von Adolf Hitler hatte sich 1987 im Kriegsverbrechergefängnis in Spandau mit einem Elektrokabel erhängt, in der Neonaziszene wird er immer noch als Märtyrer verkannt. Als die Aktivisten weiterziehen, sind nur noch verschmierte Farbreste zu erkennen. »Viel Erfolg« ruft der Mann in der Daunenweste ihnen noch nach, bevor er ins Auto steigt.
Neuköllner Neonazis veranstalten regelmäßig Gedenken an von ihnen als Helden glorifizierte Protagonisten des Nationalsozialismus, zuletzt am letzten Februarwochenende anlässlich des Todestages des SA-Schlägers Horst Wessel. Etwa zwanzig von ihnen hatten sich am Sonnabend vor einer Woche abends mit Fackeln und Fahnen auf dem Alt-Britzer Friedhof im Koppelweg eingefunden. Unbehelligt von der Polizei huldigten sie dort dem SA-Mann, der nach einer Auseinandersetzung mit Kommunisten seinen Verletzungen erlegen war. Neonazis glorifizieren in Neukölln jedoch nicht nur den historischen Nationalsozialismus, sondern versuchen auch, in der Gegenwart politische Gegner und Migranten mit Gewalt einzuschüchtern. Die Opferberatungsstelle »ReachOut« zählte allein im Jahr 2012, wie berichtet, 22 rechte Gewalttaten in Neukölln, damit nimmt der Stadtteil als erster Westbezirk den traurigen Spitzenplatz in der Statistik ein. Die Zahlen »spiegeln den Trend wieder«, dass die NPD und »Autonome Nationalisten« Südneukölln zu einem »Aktionsschwerpunkt« machen, sagt Sabine Hammer von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus.
Gleichzeitig sei es ein »gutes Zeichen«, findet Hammer, dass die Bereitschaft, sich in Bündnissen gegen die Neonazis zu organisieren, gewachsen sei. Ein Beispiel ist der Zusammenschluss von Bewohnern der Hufeisensiedlung, der sich gründete, nachdem eine Familie immer wieder zum Ziel von nächtlichen Angriffen von Neonazis geworden war. »«
»Kiezspaziergänge zu organisieren, um Nazisticker zu entfernen, und mit Flugblättern aufzuklären kann dabei aber nur ein Anfang sein, dem eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Ursachen von Neonazigewalt folgen muss«, betont Robert Faust von der Kampagne »Neukölln gegen Nazis«, die neben anderen zum Spaziergang aufgerufen hatte.
Sprach es und holt den Spachtel aus seiner Jackentasche hervor, auf einer Straßenlaterne hat er einen NPD-Aufkleber in der Optik eines Verbotsschilds entdeckt. Durchgestrichen ist das Euro-Zeichen. Gegen den Euro will die NPD auch am kommenden 1. Mai im benachbarten Schöneweide demonstrieren. Ein bezirksübergreifendes Bündnis ruft zu Blockaden auf.

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